Reflexion ASMS

Wie schön es doch wäre, ein EM Spiel zu schauen. Am besten sollte natürlich Deutschland spielen, wie wäre es da mit dem Viertelfinale Deutschland gegen Italien? Wann spielen die denn? Sonntag morgens um 4:30. Früh aufstehen oder spät schlafen gehen? Mal sehen. Es scheint nicht so einfach zu sein, solch ein Fußballspiel von Australien aus live zu schauen. Die Australier sind nicht so wirklich Fußballbegeistert, ich aber eigentlich auch nicht. Dennoch sollte man bei der EM vielleicht doch mindestens ein Spiel gesehen haben, also trafen Lucas und ich uns am Samstagabend bei ihm zu Hause. Als es endlich so weit war schalteten wir den Fernseher ein und ich schlief halb ein. Beim Elfmeterschießen war die Sonne schon aufgegangen und am Ende hat Deutschland ja immerhin gegen Italien gewonnen.

Morgen hat Klara Geburtstag und ich habe nur noch eine Woche in Australien übrig. Gerade eben kam im Fernsehen ein Bericht über unsere Schule, den ihr hier anschauen könnt. Der Teil über die ASMS ist am Ende der Reportage, aber auch der Rest ist interessant. Und das beste: Ich bin im Australischen Fernsehen! Und passend zu dieser Reportage habe ich mir gedacht, dass ich doch mal eine Reflexion zum Schulkonzept schreiben sollte.


Laptop oder Notizbuch? Stift oder Maus? WLAN oder Handyverbot? Klassenzimmer oder offenes Lernen? 3-D-Druck oder Malen mit Pinsel? Frontalunterricht oder Self-directed-learning? Communication Systems oder Französisch? KKSt oder ASMS?

Ihr seht, dass die ASMS im Vergleich zu meiner Schule in Deutschland eine andere Welt ist. Aber was ist denn anders? Und ist es wirklich besser? Laut der PISA-Studie ja, denn dort landete Australien unter den Top 10 Bildungssystemen. Meine Schule ist im Vergleich zu anderen Australischen Schulen nochmals ziemlich anders, worauf schon der Name Australian Science and Mathematics School schließen lässt. Hier werden year 10s und year 11s zusammen unterrichtet, teilweise auch geschlechtergetrennt. Sicherlich ist nicht alles an der Schule gut, dank des Self-directed learnings sitzen zum Beispiel einige Schüler im Unterricht, ohne überhaupt irgendetwas zu tun, aber um ehrlich zu sein ist das auch kein großer Unterschied zu manchen Fächern in Deutschland.

Das Australisches Schulsystem ist generell gar nicht so besonders im Vergleich zum Deutschen, allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen der Australian Science and Mathematics School und fast allen anderen Schulen der Welt. Diese auch als „nerd school“, „Schule ohne Türen“ oder „ASMS“ bezeichnete Schule ist mir während meines Auslandsjahres ans Herz gewachsen. Jeden Morgen nach dem Aufwachen wusste ich, dass mich ein interessanter Schultag mit ungewöhnlichen Fächern und netten Leuten erwarten würde. Während sich meine Mutter zu Hause Sorgen macht, dass ich nichts lerne und alles viel zu einfach ist, lebe ich mitten in der ASMS Gesellschaft. Ich hatte dieses Schuljahr so gute Noten wie ich in Deutschland niemals hatte, was ich auf die Tatsache zurückführe, dass die Schüler hier für sie interessante Dinge lernen, für die man sich selbst motivieren kann, weil jeder sich Schüler die Schule aufgrund des eigenen Interessengebietes ausgesucht hat.

Der Unterschied der ASMS zu „normalen“ Schulen fängt schon mit dem Verhältnis zu den Lehrern an, die hier beim Vornamen angesprochen sind und auf einer Ebene mit den Schülern sind, folglich sind die meisten Autoritätsverhältnisse abgeschafft und jeder respektiert einfach jeden. An der ASMS wird wirklich jeder Mensch und jede Meinung toleriert und da es mit 400 Schülern eine relativ kleine Schule ist sind alle untereinander sehr eng verbunden. Durch die nicht vorhandenen Türen und das offene Lernkonzept bekommt man direkt mit, was in den anderen Klassen vorgeht und kann interaktiv mit den anderen Klassen interagieren, sich zusammenschließen, mischen und in Gruppen an Projekten arbeiten. Fast alle Schulaufgaben werden in Gruppen von ungefähr vier Schülern ausgeführt.

Durch das Problem Based Learning sind alle Projekte in der Schule an konkreten, praxisnahen Fällen orientiert und liegen im Interessengebiet der Schüler, welche die Aufgaben untereinander so aufteilen, dass jeder an seinen Stärken und an dem, was man zur Lösung des Problems braucht und woran man interessiert ist, arbeiten kann. Diese Offenheit merkt man auch daran, dass die ASMS im Gegensatz zu fast allen anderen Australischen Schulen keine Schuluniform hat, so etwas wie eine Sitzordnung gibt es auch nicht. Das Lernen funktioniert in großen Teilen über Probleme, welche es zu lösen gilt. Diese sind möglichst realistisch und herausfordernd, so dass Lernen Spaß macht.

Angepasst an die moderne Gesellschaft findet das Lernen am Computer statt. Das zeigt nicht nur die Offenheit untereinander, sondern auch gegenüber der Zukunft und dem Rest der Welt übers Internet. Hier liegt das Deutsche Schulsystem ungefähr 20 Jahre zurück, denn selbst im Entwicklungsland Kambodscha wird laut meinem derzeitigen Gastbruder überwiegend am Computer unterrichtet. Das hat den Vorteil, dass man keine Zeit damit verbringt, veraltete Schulbücher zu lesen, sondern alles auf dem Schuleigenen virtuellem Portal oder direkt im Internet nachschauen kann. Auch Lehrer greifen oft lieber auf ein Video zurück, wodurch manche Zusammenhänge anschaulicher vermittelt werden können als durch eine einfache Erklärung an der Tafel. Mit den Computern hat man immer Zugriff auf Information des aktuellsten Standes der Wissenschaft und kann auf nahezu unbegrenzte (wissenschaftliche) Ressourcen zurückgreifen. In Mathe ist Excel für komplexere Aufgaben unverzichtbar und über eine weitere Software hat man direkt einen deutlich erweiterten grafikfähigen Taschenrechner zur Hand.

Das Gleiche gilt übrigens auch für den Einsatz von Handys im Unterricht: Während es an meiner Deutschen Schule verboten war, diese überhaupt sichtbar mit sich zu führen und sie immer in der Tasche bleiben mussten sind an der ASMS Handys oft sogar erwünscht. Das liegt daran, dass durch diese Taschencomputer ein unglaublich hilfreiches Tool zur Verfügung steht, dessen Kamera zur Dokumentation eines Experiments dienen, während die Suchfunktion schnelle Fragen zur Physik beantwortet und die Sensoren einen Winkel für Mathe vermessen. Im selben Gerät stecken noch unzählige weitere Sensoren, die in Deutschland jeweils durch ein eigenes Messgerät repräsentiert wurden. Wieso muss eines der größten Hilfsmittel zum Lernen verboten werden? Hierfür habe ich kein Verständnis.

In der Schule ist es meiner Meinung nach Wichtig, Inhalte miteinander zu verknüpfen und den Sinn des gelernten zu vermitteln. Wenn man selbst nicht weiß, wofür man das Gelernte jemals brauchen wird, fällt es einem sehr schwer sich zu motivieren. An der ASMS wird viel über praktische Anwendungen und die Wichtigkeit des Lernstoffs geredet, was die Eigenmotivation vorantreibt. Zudem werden alle Fächer miteinander verknüpft, dadurch können Konzepte besser verstanden werden als wenn sie strickt nach Schulfach getrennt sind.

An der ASMS ist man offen und frei, das gilt auch für die Ausstattung. Schüler haben WLAN, Schulcomputer mit Touchscreen und Drucker zur Verfügung, aber diese Grundausstattung sollte in einem so hoch entwickeltem Land wie Deutschland oder Australien im Jahre 2016 meiner Meinung nach auch immer vorhanden sein. Hinzu kommen die unzähligen Materialien für Chemie und Physik, aber hier kann meine Deutsche Schule noch halbwegs mithalten. Den großen Unterschied erlebt man beim Betreten des Ideation Studios, dem großen Raum der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Dutzend 3-D Drucker und ein $50000 teurer Lasercutter verwandeln hier Projekte und Ideen in die Wirklichkeit. Auch für andere Interessen gibt es Materialien, die zur Verfügung stehen. Dazu zählen Apple-Computer falls man nicht mit Windows zurechtkommt, Film- und Fotokameras für die Schüler oder auch ein Tonstudio für Musikaufnahmen. Auf unseren Klassenfahrten wurden wir mit einem riesigen Spiegelteleskop und Wärmebildkameras auf die Reise geschickt, alles gehört der Schule. Im Fach Aviation, welches ich letztes Jahr belegt habe, gibt es außerdem einen sündhaft teuren Flugsimulator und mehrere Computer mit Kontrollelementen und Simulatoren. Diese Möglichkeiten werde ich nach meiner Rückkehr vermissen, denn so eine Ausstattung findet man sonst nur selten.

Natürlich kommt nicht jeder Schüler mit so einer Schule klar, denn die Eigenmotivation in Kombination mit der großen Freiheit kann verführerisch wirken. Das kann positiv sein, wenn man sich für ein Themengebiet sehr interessiert und dort die Chance hat mit Unterstützung der Lehrer weit über den Erwartungshorizont hinaus zu gehen. Eine solche Freiheit kann allerdings auch negativ enden, wenn der Schüler nicht mitarbeitet und die ganze Stunde lang Computerspiele spielt oder seine Zeit auf Facebook verbringt, was aber nur in Einzelfällen vorkommt.

Seit Beginn dieses Jahres probiert die ASMS etwas neues aus, mit dem ich nicht so richtig zustimme. Jungs und Mädchen werden in den meisten Klassen getrennt, da das die Noten der Mädchen in mit Mathe in Verbindung stehenden Fächern verbessern soll. Ein Großteil meiner Freunde stimmt mir zu, dass die künstliche Lernumgebung nicht unbedingt vorteilhaft ist, da die Klassen viel unruhiger sind. Auch einige Lehrer beschweren sich immer wieder darüber. Aber was solls? Die Erfahrung zählt.

Habe ich etwas gelernt? Meiner Meinung nach mehr als in jedem anderen Schuljahr meines Lebens, und zwar Dinge, die ich oft auch wirklich brauchen werde. Es ist zwar nicht so, dass an deutschen Schulen nicht aufs Leben vorbereitet wird, aber durch das breite Themenspektrum der ASMS und die Verknüpfung der Fächer unter einander geschieht das hier zumindest effektiver. Mein Fazit: Am Ende kann man nur sagen, dass die ASMS eine für mich unvorstellbar geniale Schule ist. Und dass das Deutsche Schulsystem großen Nachholbedarf zeigt. Die ASMS gibt sich selbst als Studien- und Berufsorientiert aus und hat meiner Meinung nach das richtige Konzept für erfolgreiche Schüler. Hier wird außerhalb der Box gedacht, die Schule ist zukunftsfähig.

Wie einige von euch vielleicht mitgekriegt haben ist dies eine überarbeitete Version des Blogbeitrags. Ich möchte darauf hinweisen, dass einige Aussagen entfernt wurden, damit sich niemand beleidigt fühlt.

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3 Gedanken zu “Reflexion ASMS

  1. Sehr gut, Deine (Schule) ASMS noch einmal ausführlich vorzustellen. In Deutschland ist Schule und Kultur Ländersache. Jedes Bundesland hat andere Vorstellungen und Bedingungen. Darum ist unser deutsches Schul- und Lernsystem unterschiedlich und wechselhaft, genau wie unser Wetter. Oft greift man auf Erfahrungen zurück, obwohl jeder weiß, dass eine Sache auch schon seit Jahren oder Jahrzehnten falsch sein könnte? Gute Ideen von Pädagogen (oder Eltern) werden nicht umgesetzt, weil man selbst nicht drauf kam. Nun geht Dein Motivationsjahr in South Australia in einigen Tagen zu Ende. Eine Empfehlung von Deinem Großvater: Auf dem Wegen der Freundschaft soll man kein Gras wachsen lassen. Ich denke, dass haben viele aus Deiner jetzigen Umgebung verdient. Dein Opa Lothar

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  2. Lieber Jonas, ja Deine Zeit in Australien geht zu Ende. Sei nicht traurig. Du nimmst soviel mit. Ein Riesenkoffer voller Wissen, dass Du Dir mit vollen Einsatz angeeignet hast.( ohne Fleiß – keinen Preis) Du warst mehr als fleißig. Doch immer noch hattest Du Zeit, Deiner lieben Gastmutter Klara, auf der Baustelle zu helfen. Oder fantastische Ausflüge zu machen und gleichzeitig wunderbar zu fotografieren. Ich bin sehr glücklich, diese Zeit „miterlebt“ zu haben. Deine Eltern und Großeltern sind bestimmt froh, dass alle „Küken“ wieder im „Nest“ sind. Liebe Grüße, auch an Klara, Erika

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